Noch ist nichts entschieden. Richemont befindet sich laut Reuters in Gesprächen über einen möglichen Beitritt zum Global Diamond Consortium unter Führung des früheren De-Beers-Chefs Gareth Penny. Auch Signet Jewelers wird als möglicher Teilnehmer genannt. Eine verbindliche Vereinbarung wurde bislang nicht bestätigt.
Richemont kommt aus einer Position der Stärke
Die strategische Ausgangslage könnte kaum unterschiedlicher sein.
Richemonts Jewellery Maisons – darunter Cartier, Van Cleef & Arpels, Buccellati und Vhernier – erzielten im Geschäftsjahr 2025/26 einen Umsatz von 16,5 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von rund 5,0 Milliarden Euro. Die operative Marge lag bei 30,5 Prozent.
De Beers dagegen steckt in einer schwierigen Phase. Für 2025 meldete das Unternehmen einen Underlying-EBITDA-Verlust von 511 Millionen US-Dollar. Der durchschnittlich realisierte Preis pro Karat sank um sieben Prozent, der Rough Price Index um zwölf Prozent. Zusätzlich belasteten Lagerbereinigungen und schwache Nachfrage das Ergebnis.
Genau hier wird der mögliche Richemont-Einstieg interessant. De Beers verfügt über Herkunft, Geschichte, Minenkompetenz und eine der bekanntesten Marken im Diamantenmarkt. Was dem Naturdiamanten derzeit fehlt, ist jedoch in Teilen des Marktes genau das, worin Richemont stark ist: Begehrlichkeit, Inszenierung, Markenführung und emotionaler Mehrwert.
Die Schmuckhäuser von Richemont zeigen seit Jahren, dass sich hohe Preise nicht allein über Material erklären lassen. Cartier oder Van Cleef & Arpels verkaufen nicht nur Gold und Diamanten, sondern Design, Geschichte, Handwerk und Markenidentität. Übertragen auf Naturdiamanten könnte genau diese Logik interessant werden.
Der Naturdiamant braucht mehr als die 4C
Für den Fachhandel ist das eine zentrale Botschaft. Der Wettbewerb durch Labordiamanten hat die Preislogik im unteren und mittleren Segment verändert. Gleichzeitig stehen natürliche Diamanten stärker unter Druck, ihren Mehrwert zu erklären. Anglo American nennt die Verschiebung der Nachfrage zwischen Natur- und Labordiamanten ausdrücklich als Belastungsfaktor für De Beers.
Damit reicht es langfristig möglicherweise nicht mehr, Naturdiamanten nur über Carat, Color, Clarity und Cut zu verkaufen. Herkunft, Seltenheit, natürliche Entstehung, Rückverfolgbarkeit und emotionale Bedeutung werden wichtiger.
Ein möglicher Einstieg würde Richemont nicht automatisch Kontrolle über die gesamte Diamantenversorgung geben. Dafür wären Beteiligungshöhe, Stimmrechte und die Struktur des Konsortiums entscheidend. Strategisch könnte Richemont jedoch helfen, Naturdiamanten stärker in eine Luxusgeschichte einzubetten: weniger Rohstoff, mehr kulturelles und emotionales Produkt.
Genau das könnte De Beers derzeit brauchen. Denn die Krise im Naturdiamantenmarkt ist nicht nur eine Preisfrage. Sie ist auch eine Frage der Wahrnehmung. Labordiamanten haben den Zugang zu optisch vergleichbaren Steinen deutlich günstiger gemacht. Naturdiamanten müssen deshalb stärker erklären, warum ihre natürliche Entstehung, Knappheit und Herkunft einen Aufpreis rechtfertigen.
Für Juweliere wird Storytelling wichtiger
Sollte Richemont tatsächlich einsteigen, könnte das indirekt auch die Beratung im Fachhandel verändern. Juweliere müssten Naturdiamanten noch stärker über Wert, Herkunft und Geschichte verkaufen. Der reine Produktvergleich mit Lab-Grown wird schwieriger, wenn beide Kategorien ausschließlich über Größe und Preis gegenübergestellt werden.
Wer dagegen Herkunft, Seltenheit, natürliche Entstehung und nachvollziehbare Lieferketten vermitteln kann, schafft Differenzierung. Genau darin liegt eine Chance für den stationären Fachhandel: persönliche Beratung kann aus einem technisch vergleichbaren Produkt wieder ein emotional erklärbares Luxusgut machen.
Der mögliche Einstieg könnte zudem darauf hindeuten, dass der Naturdiamant langfristig stärker polarisiert wird. Labordiamanten könnten weiter das preisorientierte und zugängliche Segment besetzen, während Naturdiamanten stärker über Seltenheit, Herkunft und Luxus positioniert werden. Das wäre keine Rückkehr zum alten Marktmodell, sondern eine neue Aufteilung.
Für Juweliere könnte das bedeuten, beide Kategorien deutlich klarer voneinander zu trennen – nicht nur preislich, sondern auch kommunikativ.
Kann Richemont den Naturdiamanten retten?
Das wäre zu weit gegriffen. Richemont allein kann weder globale Nachfrage noch Diamantenpreise kontrollieren. Auch ein Einstieg bei De Beers würde die strukturellen Probleme des Marktes nicht automatisch lösen.
Aber der Konzern könnte etwas einbringen, das im Naturdiamantmarkt derzeit besonders wertvoll ist: die Fähigkeit, aus Material wieder Begehrlichkeit zu machen.
Für den Fachhandel lautet die entscheidende Frage deshalb weniger, ob Richemont De Beers übernimmt. Viel wichtiger ist, ob es gelingt, den Naturdiamanten wieder stärker als Luxusprodukt mit eigenständigem Wertversprechen zu positionieren. Genau davon könnte auch der Juwelier profitieren.


