Richemont befindet sich weiterhin in Gesprächen über einen möglichen Beitritt zu einem Konsortium unter Führung des früheren De-Beers-Chefs Gareth Penny. Auch der US-Schmuckhändler Signet wurde als möglicher Teilnehmer genannt. Eine verbindliche Zusage Richemonts oder ein Abschluss der Transaktion liegen bislang nicht vor.
De Beers steht zum Verkauf, nachdem Mehrheitseigner Anglo American beschlossen hatte, sich von seiner Beteiligung zu trennen. Anglo American hält derzeit 85 Prozent, die Regierung Botswanas die übrigen 15 Prozent. Für den zum Verkauf stehenden Anteil steht ein Wert von rund einer Milliarde US-Dollar im Raum.
Richemont würde näher an den Rohstoff rücken
Für Richemont wäre ein Einstieg vor allem deshalb strategisch interessant, weil der Konzern mit Cartier und Van Cleef & Arpels zwei der bedeutendsten High-Jewellery-Häuser der Welt besitzt.
Eine Beteiligung an De Beers könnte Richemont näher an einen zentralen Rohstoff seines Schmuckgeschäfts bringen und Einblick in einen früheren Teil der Wertschöpfungskette ermöglichen.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Richemont die Diamantenversorgung kontrollieren, bevorzugte Steine erhalten oder Preise bestimmen könnte. Entscheidend wären Beteiligungshöhe, Rechte innerhalb des Konsortiums sowie die konkrete Vertragsstruktur.
Naturdiamanten könnten an strategischer Bedeutung gewinnen
Für den Fachhandel wäre vor allem das Signal interessant.
Ein Einstieg eines Luxuskonzerns wie Richemont bei einem der weltweit bekanntesten Diamantenproduzenten würde die Bedeutung von Naturdiamanten im oberen Luxussegment sichtbar unterstreichen.
Das geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem Labordiamanten deutlich Marktanteile gewonnen und bei den Preisen für zusätzlichen Wettbewerb gesorgt haben. Der zunehmende Anteil günstigerer Labordiamanten zählt ausdrücklich zu den Faktoren, die den Naturdiamantmarkt verändern.
Für Juweliere könnte dies die Differenzierung zwischen beiden Kategorien noch wichtiger machen. Herkunft, Seltenheit, Natürlichkeit und Provenienz dürften bei Naturdiamanten stärker als Verkaufsargumente eingesetzt werden.
Herkunft wird zum Verkaufsargument
Ein weiterer Aspekt betrifft die Transparenz der Lieferkette.
Luxuskunden interessieren sich zunehmend dafür, woher Materialien stammen und wie sie gewonnen wurden. Ein Konzern, der näher an die Rohstoffseite rückt, könnte Herkunft und Rückverfolgbarkeit noch stärker in die Markenkommunikation integrieren.
Für den Fachhandel bedeutet das: Die Beratung könnte sich stärker von reinen 4C-Argumenten weg und hin zu Herkunft, Geschichte und nachvollziehbarer Lieferkette entwickeln.
Gerade bei hochpreisigen Naturdiamanten kann diese zusätzliche Ebene ein wichtiges Verkaufsargument werden.
De Beers bleibt ein schwieriges Investment
Der mögliche Einstieg ist allerdings nicht ohne Risiko.
De Beers befindet sich seit Jahren in einem schwierigen Marktumfeld. Schwächere Nachfrage, insbesondere in China, sinkende Diamantenpreise und der Wettbewerb durch Labordiamanten belasten das Geschäft. Für 2025 stand ein zugrunde liegender EBIT-Verlust von 787 Millionen US-Dollar zu Buche.
Deshalb wäre ein Einstieg für Richemont nicht nur eine strategische Wette auf Naturdiamanten, sondern auch eine Investition in ein Unternehmen, das wirtschaftlich vor erheblichen Herausforderungen steht.
Warum Richemont den Schritt trotzdem prüfen könnte
Die Schmuckdivision ist derzeit der stärkste Wachstumstreiber des Konzerns.
Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026/27 stiegen die Umsätze der Jewellery Maisons von Richemont bei konstanten Wechselkursen um 24 Prozent. Die Konzernumsätze legten insgesamt um 20 Prozent zu.
Damit wird deutlich, welche Bedeutung Schmuck innerhalb des Konzerns inzwischen besitzt. Ein strategischer Einstieg in die Rohstoffseite könnte deshalb langfristig wichtiger sein als der kurzfristige finanzielle Beitrag von De Beers.
Was bedeutet das für den Fachhandel?
Sollte Richemont tatsächlich einsteigen, wären für Juweliere vor allem vier Entwicklungen relevant:
Naturdiamanten könnten im Luxussegment noch stärker als eigenständige, seltene Kategorie positioniert werden. Herkunft und Rückverfolgbarkeit könnten im Verkaufsgespräch an Bedeutung gewinnen. Die Abgrenzung zwischen Natur- und Labordiamanten dürfte klarer werden. Gleichzeitig könnten große Luxusgruppen versuchen, immer mehr Teile ihrer Wertschöpfungskette selbst abzudecken.
Für unabhängige Juweliere wäre das ein weiteres Signal, die eigene Kompetenz rund um Diamanten auszubauen und stärker über Beratung, Herkunft und Vertrauen zu verkaufen.
Noch ist der mögliche Richemont-Einstieg reine Option. Sollte er Realität werden, wäre er jedoch weit mehr als eine Finanzbeteiligung: Er würde zeigen, welchen strategischen Wert ein großer Luxuskonzern dem Naturdiamanten langfristig beimisst.


