Business

Patek Philippe stoppte seinen Bestseller – mit Erfolg

Die Nautilus 5711 war 2021 eine der begehrtesten Luxusuhren der Welt: jahrelange Wartelisten, enorme Aufschläge am Zweitmarkt und ein Hype, der immer größer wurde. Patek Philippe tat daraufhin etwas, das im Luxusgeschäft ungewöhnlich ist: Die Stahlversion wurde eingestellt. Für Präsident Thierry Stern ging es um mehr als Verfügbarkeit – er wollte verhindern, dass ein einziges, vergleichsweise schlichtes Modell die gesamte Wahrnehmung der 1839 gegründeten Manufaktur bestimmt.

Von Jessica Farthofer

Patek Philippe stoppte seinen Bestseller – mit Erfolg
© KI-generiert
In diesem Artikel

Patek Philippe lebt seit Generationen von einer Idee: Nicht möglichst viele Uhren zu verkaufen, sondern langfristig Begehrlichkeit, handwerkliche Qualität und eine klare Identität zu bewahren.

Genau deshalb ist der Umgang mit der Nautilus Ref. 5711 so interessant. Die Stahluhr mit Zeit- und Datumsanzeige entwickelte sich in den Jahren vor 2021 zu einem der gefragtesten Modelle überhaupt. Während der offizielle Verkaufspreis deutlich niedriger lag, wurden auf dem Sekundärmarkt teils sechsstellige Beträge aufgerufen. Dann zog Patek Philippe die Reißleine.

Wenn ein Bestseller zu groß wird

Aus vertrieblicher Sicht hätte vieles dafür gesprochen, die Produktion einfach auszuweiten. Doch genau das wollte Thierry Stern nicht. Die Nautilus sollte nicht zum Produkt werden, das Patek Philippe vollständig definiert. Die Marke steht historisch für komplizierte Uhrmacherei, außergewöhnliche Handarbeit und Modelle, deren Fertigung teilweise Jahre beansprucht.

Ein vergleichsweise einfacher Stahl-Sportklassiker drohte dagegen, den gesamten Rest des Portfolios in den Schatten zu stellen.

Die Entscheidung zeigt einen fundamentalen Unterschied zwischen kurzfristiger Nachfrage und langfristiger Markenführung: Nicht jedes Produkt, das sich problemlos verkaufen lässt, sollte zwangsläufig immer weiter wachsen.

Die Nautilus war nicht das ganze Patek Philippe

Gerade für Patek Philippe war diese Gefahr besonders groß. Die Genfer Manufaktur ist für komplexe Kaliber, Minutenrepetitionen, ewige Kalender, Chronographen und außergewöhnliche Grand Complications bekannt. Ein Beispiel dafür ist die Grandmaster Chime Ref. 6300A-010 mit 20 Komplikationen, die 2019 bei Only Watch für 31 Millionen Schweizer Franken versteigert wurde und damit einen Weltrekord für eine bei einer Auktion verkaufte Uhr aufstellte.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite höchste mechanische Komplexität, auf der anderen Seite eine Sportuhr mit Zeit und Datum.

Gerade deshalb wollte Stern offenbar verhindern, dass die einfachere Nautilus zum Synonym für Patek Philippe wird.

2022 kam die 5811 - aber in Weißgold

Die Nautilus verschwand allerdings nicht vollständig. 2022 präsentierte Patek Philippe die neue Ref. 5811/1G-001. Sie griff die bekannte Designsprache wieder auf, wurde jedoch nicht in Stahl, sondern in Weißgold ausgeführt. Das Gehäuse wuchs auf 41 Millimeter, im Inneren arbeitet das automatische Kaliber 26-330 S C.

Damit verschob Patek Philippe das Modell klar nach oben.

Heute liegt der offizielle US-Preis der 5811/1G-001 bei mehr als 82.000 US-Dollar.

Die Botschaft war damit eindeutig: Die Nautilus durfte bleiben, sollte aber weniger als massenhaft begehrtes Einstiegsobjekt und stärker als hochwertiges Luxusprodukt positioniert werden.

Patek Philippe Nautilus aus Edelstahl mit blauem Zifferblatt neben Grandmaster Chime Armbanduhr aus Roségold.
Nautilus-Hype zu groß: Patek Philippe zog die Reißleine. © KI-generiert


Familienbesitz macht solche Entscheidungen möglich

Der Schritt lässt sich auch mit der Eigentümerstruktur erklären. Patek Philippe befindet sich seit 1932 im Besitz der Familie Stern. Das Unternehmen muss seine Entscheidungen damit nicht an kurzfristigen Erwartungen externer Aktionäre oder Quartalszielen ausrichten.

Gerade bei einer Marke dieser Größenordnung ist das ein strategischer Vorteil. Eine börsennotierte Gruppe hätte möglicherweise größere Schwierigkeiten, ein Produkt bewusst zu verknappen oder einzustellen, obwohl die Nachfrage garantiert ist. Patek Philippe konnte dagegen entscheiden, dass langfristige Markenbalance wichtiger ist als zusätzliche Stückzahlen.

Verknappung allein ist nicht die Strategie

Dabei wäre es zu einfach, die Nautilus-Geschichte nur als künstliche Verknappung zu interpretieren. Patek Philippe hat nicht einfach ein rares Produkt geschaffen, um Preise zu treiben. Vielmehr ging es darum, die Balance im Portfolio wiederherzustellen.

Die Marke sollte weiter für Calatrava, Grand Complications, Aquanaut, klassische Komplikationen und hochwertige Handwerkskunst stehen – und nicht nur für eine Stahl-Sportuhr, die auf Wartelisten und Sekundärmarktpreise reduziert wird.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Eine Lehre für den Fachhandel

Für Juweliere ist diese Strategie bemerkenswert. Im Handel besteht immer die Versuchung, erfolgreiche Produkte maximal auszubauen. Doch ein Bestseller kann langfristig auch zum Problem werden, wenn er das gesamte Profil eines Unternehmens überlagert.

Das gilt für Marken ebenso wie für Juweliere selbst. Wenn ein Geschäft nur noch über Rolex, Trauringe, Goldankauf oder eine einzelne starke Produktgruppe wahrgenommen wird, kann daraus eine gefährliche Abhängigkeit entstehen. Umsatzstärke und Markenstärke sind nicht immer dasselbe.

Patek Philippe zeigt, dass es manchmal sinnvoller sein kann, bewusst auf kurzfristiges Volumen zu verzichten, um die langfristige Positionierung zu schützen.

Die Marke muss größer bleiben als das Produkt

Die Nautilus 5711 war ein außergewöhnlicher Erfolg. Genau deshalb wurde sie auch zur Gefahr. Patek Philippe hätte die Nachfrage weiter bedienen und kurzfristig erheblich mehr Umsatz generieren können. Stattdessen entschied sich das Unternehmen dafür, die eigene Markenidentität zu verteidigen.

Die wichtigste Lektion daraus ist vielleicht diese: Ein Bestseller sollte eine Marke stärken – aber niemals größer werden als die Marke selbst.


Juwelier in deiner Nähe finden

Über 1.000 Juweliere im DACH-Raum — mit Services von Reparatur bis Anfertigung.

Jetzt suchen

Das könnte dich auch interessieren

Business

Plünderungen: Mutmaßliche Luxusware taucht auf Vinted auf

Nach den schweren Ausschreitungen und Plünderungen in Frankreich geraten nun auch Secondhand-Plattformen in den Fokus. Auf Vinted sind offenbar Angebote aufgetaucht, bei denen der Verdacht besteht, dass es sich um gestohlene Ware aus geplünderten Geschäften handelt. Die Plattform hat ihre Kontrollen verschärft und löscht verdächtige Inserate. Für Luxus-, Schmuck- und Uhrenhändler zeigt der Fall, dass Diebstahlschutz heute nicht an der Ladentür endet.

Petra SIvcic

Business
News

Audemars Piguet enthüllt sein Certified-Pre-Owned-Programm

Audemars Piguet steht offenbar kurz vor dem offiziellen Start eines globalen Certified-Pre-Owned-Programms. Nach Informationen von WatchPro soll der Roll-out noch vor Ende Oktober beginnen. Die Marke selbst hat Termin und Details bislang allerdings nicht bestätigt. Sicher ist: AP beschäftigt sich seit Jahren mit Trade-ins und gebrauchten Uhren – und der Zweitmarkt ist inzwischen zu groß, um ihn zu ignorieren.

Petra SIvcic

Business
News

Breitling-Store in Marseille geplündert

Die Ausschreitungen in Frankreich haben auch den Luxusuhrenhandel getroffen. Breitling-CEO Georges Kern veröffentlichte Aufnahmen eines stark verwüsteten Stores, den er als Breitling-Filiale in Marseille bezeichnete. Nach seinen Angaben wurde niemand aus dem Team verletzt. Wie hoch der Sachschaden ist und welche Waren tatsächlich entwendet wurden, ist bislang nicht bekannt.

Petra SIvcic